Person im Lüftungschacht eingeklemmt 

Einsatzdatum: 6.Februar 1990, 7 Uhr 10    Einsatzstichwort: Mensch in Notlage
Eingesetzte Einheiten: Feuerwehr Espelkamp: ELW 1-Mitte, RW 2-Mitte, LF 8-Mitte, RTW-Mitte, RW Rahden: NEF

Am 6. Februar 1990 musste die Feuerwehr Espelkamp zu einem sehr ungewönlichen Rettungseinsatz ausrücken, der in der Tages- und Fachpresse große Beachtung erfuhr. Nur durch das besonnene Vorgehen aller beteiligten Einsatzkräfte konnte eine Person trotz des Einsatzes von „groben Werkzeuges" ohne zusätzliche Schädigung aus seiner Lage befreit werden. Ein Einsatzbericht über die ungewöhnlich schwierige Rettung eines in einen Lüftungsschacht einer Heizungsanlage gestürzten jungen Mannes. Es folgt eine Beschreibung der medizinischen und feuerwehrtechnischen Rettung des Patienten.

Nachfolgend wird ein Fachaufsatz von V.Dau über diesen Einsatz in der Zeitschrift "Rettungsdienst"  (Ausgabe 02/1994) wiedergegeben:

 

 

Objektbeschreibung

Es handelt sich um ein zweigeschossiges unterkellertes Schulgebäude mit Satteldach. Das Gebäude wird mit einer Gasheizung beheizt. Diese ist an einen vierzügigen Schornstein (roter Ziegelstein) ange­schlossen. In der Mitte des Schornsteinblockes befindet sich ein Lüftungsschacht aus Formteilen (Pleva-Rohre). Durch diesen Lüftungsschacht werden auch zwei Heizungsrohre (Durchmesser 1" mit Schaumstoffisolierung) geführt.

Notfallmeldung

Am Unfalltag lag eine dünne Schneedecke. Die Au­ßentemperatur betrug bei eisigem Ostwind - 13°C. Um 7.10 Uhr ging bei der Feuer- und Rettungswache E. über eine Telefonnebenstelle folgende Meldung des Schulhausmeisters der Hauptschule „Waldschule“ ein: „Im Keller der Schule sind Hilferufe zu hören. Die Herkunft lässt sich nicht genau lokalisieren.“ Die Wachbereitschaft rückte um 7.12 Uhr mit ELW 1 (Besatzung 1/1) aus und traf um 7.16 Uhr am Einsatzort ein. Zu diesem Zeitpunkt nahm man an, dass sich eine Per­son irgendwo im Gebäude versehentlich eingeschlossen hatte. Aber auch ein dummer Schülerstreich wurde nicht ausgeschlossen.

Südöstlich Situation am Notfallort

Gemeinsam mit dem Schulhausmei­ster durchsuchte man die Kellerräu­me. Nach ca. 15 Minuten entdeckte man im Heizungskeller durch eine ca. 20 x 20 cm große Öffnung im Lüftungsschacht die Beine einer Person! Diese Öffnung befand sich etwa 20 cm unterhalb der Decke des 3,80 m hohen Raumes. Die männliche Person war vom Dach aus ca. 9 m tief in den 27 x 32 cm (!) großen Lüftungsschacht gerutscht und zwischen Erdgeschoß und Keller steckengeblieben (siehe Skizze). Dabei hatte sie sich, wie sich später herausstellte, die Oberbekleidung vollständig über den Kopf abgestreift. Die oberhalb des Verletzten im Schacht steckende Kleidung verhinderte dadurch den Sichtkontakt zum Verunfallten vom Dach aus. Entsprechend der Rückmeldung mit dem Stichwort »eingeklemmte Person« wurde sofort nachalarmiert:

  • NAW(RTW + NEF)
  • Rüstwagen RW 2
  • Löschfahrzeug LF 8
  • Stadtbrandmeister

Maßnahmen am Unfallort

Folgende Maßnahmen liefen parallel:

  • Untersuchung und Versorgung des Patienten
  • Vorbereitung zur Befreiung des Patienten

Untersuchung und Versorgung des Patienten

Der einzige „Zugang“ zum Verunglückten war zu­nächst nur die 20 x 20 cm große Wandöffnung im Keller, die wiederum auch nur über eine Steckleiter der Feuerwehr erreichbar war (s. Foto).

Der Verunfallte war ansprechbar, orientiert und hatte trotz der räumlichen Enge keine Luftnot. Nach eigenen Angaben befand er sich bereits seit 4-5 Stunden in der misslichen Lage (diese Angabe wurde später durch polizeiliche Ermittlungen bestätigt)!

Durch Einbringen eines Kantholzes in die vorhandene Kelleröffnung wurde der Patient gegen ein weiteres Abrutschen gesichert (s. Foto). Über diese Öffnung wurde der Verletzte auch laufend über das Vorgehen der Rettungskräfte aufgeklärt und ständig von einem Rettungsassistenten betreut.

Vor Beginn der Stemmarbeiten wurden dem Patienten durch den Notarzt 50 mg Pethidinhydrochlorid (Dolantin®) in 5 ml NaCI langsam i.m. in den rechten Wadenmuskel injiziert.

Von einer Sauerstoffsonde in den Schacht wurde abgesehen, um eine zusätzliche Staubaufwirbelung und somit weitere Gefährdung zu vermeiden.

Vorbereitung zur Befreiung des Patienten

Nach weiterer Erkundung und Lagebeurteilung entschied sich der Ein­satzleiter für eine Rettung durch Aufbrechen des Schornsteins im Erdgeschoß. Hier war die günstigste Stelle für den Einsatz von schwerem technischen Gerät. Die räumliche Lage des Verletzten wurde genau ausgemessen und an der Wand angezeichnet. Für den Durchbruch wurde die Schulterhöhe der Person „anvisiert“; dies war etwa 10 cm über dem Erdgeschoßfußboden. 

Technische Rettung des Patienten

Der eigentliche Durchbruch wurde wie folgt ausgeführt (Beginn 8.05 Uhr): Zunächst wurden mit einem Trennschleifer zwei vertikale Schnitte seitlich des Schachtes eingebracht. Die Ziegelsteinwandung wurde mit einem von einem Bauunternehmen zwischenzeitlich herbei­geschafften Presslufthammer heraus gestemmt. Die Lärmbelastung wurde vom Verunfallten gut toleriert. Ein RA am »Kellerloch« stand dabei laufend mit dem NA bzw. Einsatzleiter Feuerwehr über ein Handsprechfunkgerät in Verbindung. Die Formteile wurden anschließend vorsichtig mit einer großen Rohrzange weggebrochen (s. Foto).

Um 8.45 Uhr war der Pati­ent so weit zugänglich, dass eine weitergehende medizinische Versorgung erfolgen konnte. Der NA legte einen großlumigen venösen Zugang in den rechten Handrücken und infundierte 500 ml Sterofundin. Blutdruck: RR 130/80; Puls gut fühlbar und normofrequent. Die Atmung war unbehindert. Ferner wurde dem Verletzten jetzt ein Ge­hörschutzbügel aufgesetzt. Nach weiteren 30 Minuten war der Verletzte ganz aus dem Schacht befreit uno wurde auf Vakuummatratze und Trage gelagert. Die sich anschließende Ganzkörperinspektion ergab außer multiplen Schürfwunden keine weiteren Verletzungen! Der Transport zum Krankenhaus verlief komplikationslos.

Zusammenfassung

Ein junger Mann war ca. 9 Meter tief in einen Lüftungsschacht gestürzt. Das Verletzungsmuster war zunächst nur sehr schwierig zu ermitteln. Bei der zeitaufwendigen technischen Rettung mussten evtl. mögliche Komplikationen mangels Erreichbarkeit des Patienten unbedingt vermieden werden.

Durch das besonnene Vorgehen aller Beteiligten konnte der Verletzte trotz des „groben Werkzeuges“ ohne zusätzliche Schädigung aus seiner Lage befreit werden.

Schlussbemerkung

Wie und warum der junge Mann zu nächtlicher Stunde auf das Schuldach gekommen war, konnte nicht ermittelt werden. Wäre er in einen der neben dem Lüftungsschacht liegenden (beheizten) Schornsteinzüge gestürzt, hätte der „Ausflug aufs Dach“ mit Sicherheit einen letalen Ausgang genommen. Der Patient wurde bereits am Folgetag wieder aus dem Krankenhaus entlassen.

 

 

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